Home away from home.
Zu den aktuellen Fotografien von Andreas Komotzki
Susanne Buckesfeld
Deutsch | English | Français


Unterwegs und doch zu Hause – diesen paradoxen Eindruck vermitteln die aktuellen Fotografien von Andreas Komotzki. Der Wuppertaler Fotograf hat ihnen den Titel «home» – das Heim, das Zuhause – verliehen, was auf den ersten Blick irritierend ist. Denn zu sehen sind keineswegs heimelig anmutende Innenräume samt den dazugehörenden Bewohnern, wie man zunächst vermuten könnte – und auch keine Wohnstätten, die uns das vermitteln würden, was landläufig unter Heimatgefühl verstanden wird und meist mit einem feststehenden Ort in Verbindung gebracht wird. Landschaft, Straßen, das ein oder andere Haus oder die Silhouetten von Hotels – aus diesem überschaubaren Motivbestand hat Komotzki für seine aktuellen Fotografien geschöpft.


Aus dem fahrenden Auto oder Zug hinaus hat Andreas Komotzki auf seinen zahlreichen Reisen seit 2005 zunächst relativ ungefiltert all das fotografiert, was ihm während der Fahrt vor die Linse geriet und aus dem so entstandenen Fundus von Schnappschüssen später sehr sorgsam einige wenige, zentrale Motive herausgewählt. Von dieser anfänglichen Unmittelbarkeit des Motivs zeugen vor allem die Landschaften, die Komotzki uns zeigt. Keineswegs handelt es sich dabei um solche eindeutig identifizierbaren Kulturlandschaften unseres kollektiven Bildgedächtnisses, die hierzulande und anderswo die privaten Fotoalben füllen. Obwohl das Reisen Anlass für Andreas Komotzkis Fotografien ist, beschäftigt er sich nicht mit Sehenswürdigkeiten, die von den immer gleichen Aussichtspunkten entstehen und so überindividuell sind wie ein Reiseprospekt. Vielmehr sind es die Landschaftsbilder, die uns während des Reisens selbst – auf der Autobahn, aus dem Zug heraus – zuhauf begegnen, denen wir aber so gut wie keine Aufmerksamkeit schenken. Die gezeigten Landstriche besitzen keinerlei charakteristischen Merkmale, die uns darauf hinweisen würden, wo genau sie entstanden sind – sie sind im Gegenteil vollkommen eigenschaftslos. Denn Andreas Komotzki interessiert sich für transitorische Räume, die wir nur sehen, um sie zu durchfahren – und für die Empfindungen, die diese Räume in uns auslösen.


Daher kommen uns die Fotografien von Komotzki so selbstverständlich und bekannt vor. Böschungen und Felder am Straßenrand, hinter dem Schallschutz der Autobahn hervorlugende Giebel, einsame Hütten und Strommasten – all das begegnet uns auf Reisen tausendfach. Zwar finden diese Landschaften am Straßenrand kaum je den Weg in unsere Fotoalben – zu gewöhnlich erscheinen uns solche Motive. Doch wecken die Bilder der Serie home ein melancholisches Fernweh, da wir sie unweigerlich mit der Erfahrung des Reisens selbst in Verbindung bringen. Gerade weil die Fotografien von Andreas Komotzki keinerlei spektakuläre Ansichten bieten, entsteht in ihnen eine Leere, die entscheidend ist für ihre sehr genau kalkulierte ästhetische Wirkung. Denn erst in dieser Leere, wo lediglich Spuren von der Anwesenheit der Menschen zeugen, kann die Sehnsucht nach dem Fernen, Unbekannten
überhaupt erst an Raum gewinnen. Nur vor dem Hintergrund des Gesichtslosen und Allzubekannten in den Fotografien Komotzkis, wo durch die finstere Schwärze von Büschen, leeren Fenstern und Silhouetten ein schwermütig wirkender optischer Sog entsteht, kann im Betrachter die Sehnsucht nach etwas Abwesendem, noch Fehlendem anwachsen.


Die Auffassung vom Reisen, die sich dabei in den Fotografien von Andreas Komotzki kristallisiert, konstituiert sich im Wechselspiel von Daheim- und Unterwegssein – beide Zustände bedingen einander, gehen auseinander hervor und fließen stufenlos ineinander. In der Gegenüberstellung von Heim- und Fernweh, von hier und dort, von Bewegung und Statik, die Komotzki im Kontrast von Hell und Dunkel so sorgsam beleuchtet, entsteht ein Gefühl, das uns durchaus zu Hause ereilen kann, ja das dort vielleicht erst seinen Ursprung hat – denn die Sehnsucht nach der Ferne entsteht erst dann, wenn wir aus dem immergleichen heimischen Alltag ausbrechen wollen. Dabei beziehen sich die Fotografien auf unsere Erinnerungen – nicht an bestimmte Reisen, sondern an das Reisen an sich als eine mobile Praxis, deren eigentliches Ziel unwesentlich ist. Denn so sehr die Konturen der Dinge wie verschwommene Erinnerungen ineinander fließen, scheint es sich bei Komotzkis Fotografien weit eher um Bilder unserer Vorstellung zu handeln als um konkret vorhandene Räume.
Andererseits erzeugen die Banalität der Motive und das Fehlen jeglicher charakteristischer Merkmale zugleich die Melancholie des ortlosen Nomaden, der nirgendwo zu Hause ist und dem der Raum, den er durchfährt, keinerlei Halt bietet. Die Fotografien von Andreas Komotzki verkörpern damit gleichsam eine Lebenseinstellung, die unentwegt zwischen den Polen von Zuhause- und Unterwegssein changiert. In der unauflöslichen Spannung der Gegensätze entfaltet sich erst die Energie des Lebens.


In der Auseinandersetzung mit Raum und Zeit, die im Thema des Unterwegsseins bereits angelegt ist, schafft Andreas Komotzki fotografische Bildnisse, die Raum und Zeit tatsächlich transzendieren – sie sind ihrem Ort und ihrer Epoche enthoben.


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Home away from home.
The recent photography of Andreas Komotzki
Susanne Buckesfeld
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Home away from home – the recent photography of Andreas Komotzki indeed convey this paradoxical impression. The title home that the Wuppertal photographer gave his work is, at first, somewhat irritating. For there are no homey interiors together with their corresponding inhabitants, as one would initially assume, nor any dwellings conveying something we generally know as a sense of home and which is mostly associated with a stationary place. Landscapes, highways, the occasional house or the silhouettes of hotels – Komotzki drew the motives for his recent photography from this short inventory.


It is striking that each photograph was obviously taken when Komotzki was in motion with his camera: blurring and hazing indicates the pictures were taken en-route – and not while at home. Even if some of the photographs feature a high degree of sharpness, as it is the case with home # 15, the resulting stagnation actually appears to be shifting due to the motive’s obviously great distance. Indeed: from the moving car or train, Andreas Komotzki shot, comparatively unfiltered, everything that came into his field of vision during his numerous travels since 2005. From the thus generated source of snap shots, he later very carefully chose a few pivotal motives. Above all, Komotzki’s landscapes attest to the motives’ initial immediacy. By no means are they those clearly definable cultural landscapes of our pictorial memory that fill private photo albums in this country and elsewhere. Although Andreas Komotzki’s photographs originate from travelling, he is not concerned with sightseeing based on ever the same point of view, being as general as a travel brochure. In fact, they are those landscape images we encounter in great numbers during travelling – on the highway, out of the train – and which we pay virtually no attention to whatsoever. The areas shown exhibit no features at all indicating where exactly they originated – on the contrary, they completely lack any characteristics. For Andreas Komotzki is interested in transitory spaces we only see in order to pass them through – and in the sentiments they provoke.


Thus, Komotzki’s photography appears to be so usual and familiar. Slopes and fields along the roadside, pediments peeping over the highway’s noise protection barriers, lone cabins and power poles – while travelling, we encounter all of this thousand-fold. However, these landscapes along the roadside never make it into our photo albums – such motives appear to be too ordinary to us. And yet, the series’ images inspire a melancholic wanderlust, because we inevitably associate them with the experience of travelling itself. Precisely because Andreas Komotzki’s photographs offer no spectacular sights at all, instead emptiness is generated that is vital for their thoroughly calculated aesthetic impact. For just this emptiness, where only traces testify to any human presence, is able to give space to a longing for the faraway and the unknown. Only against the background of the featureless and the all-too familiar within Komotzki’s photography, where the gloomy blackness of bushes, empty windows and silhouettes create a lugubrious visual suction, the recipient’s longing for something absent, something still missing can grow.


Komotzki’s notion of travelling crystallizing in his photography is constituted by the interplay of being at home and away – both conditions entail each other, emerge from each other and continuously flow into each other. By contrasting home sickness and wanderlust, here and there, motion and stagnation, which Komotzki carefully illuminates through the contrast of light and shade, an emotion evolves that can actually overtake us at home, it may even originate there – because the´longing for the faraway only arises from the desire to break away from the humdrum of everyday life. In doing so, the photographs refer to our memories – not of certain journeys, but of the travelling in itself as a mobile practice the actual destination of which is irrelevant. For just as much as the outline of things blur like cloudy memories, Komotzki’s photographs seem to be pictures of our imagination rather than concrete spaces. At the same time, the trivial motives and the lack of characteristics generate the melancholy of the homeless nomad who is nowhere at home and whom the space s/he passes through does not offer any foothold. Andreas Komotzki’s photography thus embodies an attitude to life steadily changing between the poles of being at home and away. It is just in this irresolvable tension of polarities that life’s energy unfolds.


By dealing with time and space, already implied by the subject of being away, Andreas Komotzki creates a photographic imagery that indeed transcends time and space – it goes far beyond its original place and period.


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Chez soi loin de chez soi
Historique des photos actuelles de Andreas Komotzki
Texte de Susanne Buckesfeld
Traduction de Frédéric Voilley
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Chez soi loin de chez Soi – les photos récentes d’Andreas Komotzki expriment effectivement cette impression paradoxale. Au premier abord, le titre qu’il a donné à son travail est un peu agaçant. Car nous n’y trouvons aucun intérieur, aucun foyer avec leurs habitants, aucune demeure d’où émanerait cette aura d’un chez soi, notion que nous associons normalement à un lieu déterminé, un lieu fixe.


Des paysages, des routes, une maison isolée ou la silhouette d’un hôtel – Komotzki prélève ses motifs dans le bref inventaire de ses photos récentes. Il est frappant qu’il prit chacune de ses vues alors qu’il se déplaçait – les flous, les effets brouillés indiquent qu’il s’agit d’images prises en route, lors d’un voyage, et non chez lui. Même si quelques photos se distinguent par leur excellente résolution telle que «Home 15», l’éloignement du motif en vient lui aussi à exprimer le mouvement, le passage. En effet, lors de ses voyages depuis 2005, à partir du train ou de la voiture en mouvement, Komotzki photographia sans employer de filtre tout ce qui entrait dans son champ de vision. De cette banque d’images, il sélectionna ensuite quelques motifs-clé.


Ses paysages sont d’abord porteurs d’immédiat ; ils ne sont surtout pas ces expressions typiques de notre mémoire visuelle et culturelle dont sont remplis les albums-souvenir de tout pays. Malgré que ses photos soient des produits de voyage, les inônes toujours identiques du tourisme ne concernent pas Komotzki.Ce sont pourtant les paysages que nous rencontrons lorsque nous voyageons – par le chemin de fer ou la route – et auxquels nous ne prêtons aucune attention. Les lieux qu’il nous montre ne portent aune indication de leur situation exacte – ils manquent au contraire d’identité spécifique. Car ce sont les espaces transitoires qui passionnent Komotzki, ainsi que les sensations qu’ils éveillent en nous. Les images de Komotzki suscitent donc en nous un sentiment de déjà-vu, de familiarité. Des champs le long de la route, des poteaux, des constructions isolées – tout cela, nous le rencontrons mille et une fois en voyageant. Toutefois, ces paysages en bordure de route sont totalement absents de nos albums-photos ; ils nous semblent trop banals. Mais puisqu’ils nous parlent de l’expérience vécue de l’acte même du voyage, ils créent en nous la nostalgie d’un ailleurs, un désir de l’inconnu. Si les photos de Komotzki ne donnent à voir aucun site remarquable, c’est justement pour creuser ce vide essentiel à son esthétique. C’est ce néant, où la présence humaine n’est qu’à peine suggérée, qui s’adresse à notre besoin latent du départ et de l’errance. Sur ce décor désert, à la fois trop vu et étrange, où les buissons noirs, les silhouettes de bâtiments aux fenêtres sans vie créent un manque lugubre, notre rêve d’une autre réalité peut croître.


Le voyage, selon le concept que Komotzki exprime par sa photographie, devient un jeu entre le chez-soi et l’ailleurs – chacun de ces pôles est demandeur de son contraire, en émerge pour s’y confondre à nouveau. L’opposition entre le mal du pays et le désir d’ailleurs, entre ici et là-bas, entre mouvement et immobilité, que Komotzki accentue en contrastant lumière et obscurité, éveillent en nous cette soif d’évasion, de rupture. Ces images s’adressent à nos souvenirs non pas d’une destination précise mais du déplacement lui-même. Les contours y sont estompés, comme dans notre mémoire, et l’image semble un produit de notre imagination plutôt que le reflet d’un pays réel. C’est ici dans ce noman’s land qui n’offre au nomade aucune prise, aucun lieu de repli, que cette tension irréductible ouvre l’espace où les énergies vitales peuvent s’exprimer et croître.


S’inscrivant comme le voyage lui-même, dans le temps et l’espace, elles parviennent à transcender ces dimensions, en laissant loin derrière elles leur lieu et moment spécifiques.


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